Nordhäuserin fotografiert kostenlos Sternenkinder

Artikel Thüringer Allgemeine

2015

„Jedes Leben besteht aus einer Kette von Reisen. Die Länge der Kette können wir allerdings nicht selbst bestimmen. Manche Kette hält wenige Wochen, eine andere ganze Monate und die nächste vielleicht viele Jahrzehnte.“ Kai Gebel äußerte diese Gedanken. Er ist Fotograf und Initiator von „Dein Sternenkind“.

Nordhausen. Als Sternenkinder, auch unter den Begriffen Schmetterlingskinder oder Engelskinder bekannt, bezeichnet man Mädchen und Jungen, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Ursprünglich meinte man damit Kinder, die unter 500 Gramm wiegen, nicht registriert werden müssen. Der Begriff hat sich inzwischen ausgeweitet auf alle verstorbenen Kinder, unabhängig vom Gewicht. Mit „Dein Sternenkind.eu“ hat der hessische Fotograf Kai Gebel im Dezember 2013 eine Initiative für betroffene Eltern ins Leben gerufen, angelehnt an die internationale Organisation „Now I Lay Me Down To Sleep“. Derzeit gehören der Initiative um die 400 Fotografen an, die alle völlig kostenlos arbeiten. Die Beweggründe der Fotografen, sich hier ehrenamtlich zu engagieren, sind sehr unterschiedlich. Manche handeln aus eigener Erfahrung heraus und können die Situation der Eltern nachempfinden, andere wollen einfach nur helfen. In Nordthüringen ist das die Fotografin Mandy Tabatt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Eltern von Sternenkindern in dieser schweren Situation des Abschiedes zu unterstützen und ihnen Fotos des Kindes zu schenken. Sie selbst ist Mutter von drei Kindern.

Würdevolle Fotos sind wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit

Die Nordhäuserin Mandy Tabatt fotografiert unentgeltlich Sternenkinder, die im Mutterleib oder kurz nach der Geburt versterben. Foto: Thomas Müller

Bevor sie sich beruflich vor allem der Reportage-Fotografie zuwandte, fotografierte sie mehr als zwei Jahre lang die Neugeborenen in einer Thüringer Klinik. Nach einem Gespräch über Sternenkinder mit einer der Hebammen entstand der Wunsch, bei dieser Initiative mitzumachen. „Wenn eine Schwangerschaft nicht in Glück und Hoffnung, sondern in Trauer endet, stehen die betroffenen Eltern zunächst unter Schock, manche haben Berührungsängste und können ihr Kind vielleicht nicht einmal ansehen“, weiß die Nordhäuserin. Auch in solchen Fällen sei es wichtig, das Kind, immer mit Einverständnis der Eltern, zu fotografieren, um den Moment festzuhalten. Würdevolle Fotos seien als greifbare Erinnerung ein wichtiger Bestandteil in der Trauerarbeit. Tabatt hatte ihren ersten Einsatz 2013, ein zweiter folgte in diesem Jahr, als das kleine Sternchen Paul am 1. April zur Welt kam.

Er starb in der 28. Schwangerschaftswoche, die Geburt wurde eingeleitet. Als die Fotografin den Anruf bekam, dass Paul geboren war und die Mama sich Bilder wünschte, machte sie sich sofort auf den Weg. „Als ich ankam, sah ich den kleinen Paul kuschelnd neben seiner Mama liegen. Ein sehr berührender Moment.“ Dann entstanden die Erinnerungsfotos.

Für die Aufnahmen bleibt oft wenig Zeit

Sie und ihre Kollegen haben es sich zum Ziel gemacht, in der kurzen Zeit, die möglich ist, Erinnerungen zu schaffen, denn von der Geburt des Kindes bis zur Bestattung liegen nur wenige Tage. Fotografiert wird, je nach Situation, in Krankenhäusern, Bestattungsunternehmen oder bei den Eltern zu Hause. „Mir ist es wichtig, vor einem Einsatz möglichst viele Einzelheiten zu wissen, in welcher Schwangerschaftswoche befindet sich die Mutter, was ist passiert?“, erzählt Mandy Tabatt. „So kann ich einschätzen, was mich erwartet und mich emotional auf die Situation einstellen.“ Denn ein solcher Einsatz ist auch für die Fotografen schwer. Die Eindrücke müssen verarbeitet werden. Da hilft beispielsweise eine geschlossene Facebook-Gruppe, in der Fotografen ihre Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen können, in der aber auch die Einsätze koordiniert werden. Die Fotos des Kindes bekommen die Eltern kostenlos auf CD oder gedruckt in einem kleinen Album, je nach Möglichkeit des Fotografen. Das Ziel für Mandy Tabatt und ihre Kollegen ist, das Thema des sterbenden Kindes bekannter zu machen, um ein möglichst großes Netzwerk aus Fotografen, Bestattern und Krankenhäusern zu schaffen, denn es sind mehr Eltern davon betroffen als man denkt. Auch der Bedarf an Fotografen ist längst nicht gedeckt. Auf der Seite www.dein-Sternenkind.eu können sie sich bei Interesse in der Liste eintragen. Betroffene Eltern finden hier einen Fotografen in ihrer Nähe. Diejenigen, die sich an die Initiative gewandt haben, sind heute sehr glücklich über die festgehaltene Erinnerung an ihr Sternenkind, die sie mit Freunden und Angehörigen teilen können. Auf der Internetseite von Mandy Tabatt www.mandy-tabatt.de haben Interessierte auch die Möglichkeit, sich über das Thema Sternenkindfotografie zu informieren.

Nicole Mattern / 22.12.15 / TA

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